Alice wartet. Sie wartet auf Rio, einen Anruf, eine Erklärung, wo er ist, mal geht sie ihn suchen, mal setzt sie sich in ihr rostiges Auto, um selbst zu verschwinden. Das Kunststudium, in dem sie sich kennengelernt haben, ist lange her, der Erfolg ausgeblieben. Rio verliert sich in kleinkriminellen Machenschaften rund um seine Drogensucht, Deal um Deal hält ihn der Stoff auf Trab. Alice jobbt als Kellnerin, klammert sich an unfertige Liebeslieder und verteidigt mit ihrem schwächelnden Fiat den letzten Rest Fassade zwischen Bruchbuden und Raves, Gefängnis und Sozialamt. Die Wende wird erst möglich, als Freundinnen einschreiten.
Sieben Jahre später steht Alice vor Rios Tür, um mit ihm über damals zu reden. Sie arbeitet an einem Roman, will ihre Geschichte verstehen. Aber die Erinnerung bleibt unzuverlässig, und Rio hadert mit der Deutungsmacht der Erzählerin. Alice weicht in die Erfindung aus, doch auch dort lauern die alten Untiefen ihrer Beziehung.
Erstaunlich leicht und mit hintersinnigem Humor erzählt Sarah Elena Müller von dieser heillosen Liebe und der Macht und Ohnmacht des Erzählens.
«Verdammt Alice. Du musst weg von ihm!» Wieder steigen Marcia Tränen in die Augen. «Das Leben ist so schnell rum, und die Jugend sowieso. Du wirst Jahre brauchen, um das Chaos mit Rio wieder auszubalancieren!»
Betreten blicke ich auf die Kanonenkugel in meinen Händen und schweige. Marcia schüttelt mich jetzt fast.
«Du musst!», ruft sie.
«Ich kann nicht», flüstere ich mehr zur Kugel als zu ihr.